Analystenkommentar: Office 365 – Aufschlag Google, Vorteil Microsoft (mit Umfrage)

Axel Oppermann,<strong> </strong>Senior Advisor bei der Experton Group AGSeit den frühen 1990er Jahren, als IBM den Kampf um den Desktop gegen Microsoft verlor, gab es keine solche Schlacht wie aktuell zwischen Microsoft und Google um die Vormachtstellung in der „Cloud“. Ein zentrales Schlachtfeld sind Lösungen für den modernen Büroarbeitsplatz. Kann sich Microsoft als Spätstarter bei Office- und Colaboration-Angeboten aus der Cloud  behaupten?
Von Axel Oppermann, Senior Advisor bei der Experton Group AG

Experton-Umfrage - Sind SaaS-Office-Lösungen eine Alternative zu bestehenden InstallationenÜber 90% aller PCs in deutschen Unternehmen laufen mit einem Betriebssystem von Microsoft. Bei Anwendungen für den Büroarbeitsplatz (Office-Lösungen) liegt der Marktanteil in vergleichbaren Dimensionen. Microsoft besitzt unbestritten eine führende Rolle in der Welt der Unternehmens-IT. Diese Produktbereiche, die Windows-Betriebssysteme (sogenannte OS) für Client und Server sowie Office-Systeme zählen zum klassischen Kerngeschäft einer Microsoft und sind nicht zuletzt wegen ihrer dominanten Marktstellung die Cash-Cows des Softwaregiganten. Der Geschäftsbereich „Business Devision“, in welchem die Lösungen rund um Office & Co zusammengefasst sind, sorgte im Fiskaljahr 2010 für einen Umsatz von rund 19 Milliarden. Auch der Einstieg ins aktuelle Geschäftsjahr könnte Euphorie verbreiten: Microsoft lag im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2011 mit einer Gross margin von 80.6% knapp über den Erwartungen der Analysten (diese lagen im Schnitt bei 79%), und auch die operative Marge stimmt: Sie lag bei 43.9%.

Diese Zahlen scheinen auf den ersten Blick sehr positiv zu stimmen. Allerdings trügt der Schein: Einerseits sind die positiven Zahlen auf mehrere sich überlappende Produktzyklen zurückzuführen, die sich in einem frühen Reifegrad befinden, und somit für hohe Stückzahlen und entsprechende Umsätze sorgen. Andererseits bedrohen eine Vielzahl von Wettbewerbern, insbesondere Google, Cisco, IBM oder Oracle und Trends wie web-basiertes Computing, Open Source Software oder Social Computing dieses profitable Kerngeschäft. Microsoft sieht sich enormen Angriffen potenter Wettbewerber gegenüber – im Office Markt allen voran Google.

Aufschlag Google

Google hat in den letzten zehn Jahren wie kaum ein anderes Unternehmen die IT-Industrie durcheinander gewirbelt. Das Kerngeschäft von Google beruht auf der Vermarktung von Werbeflächen in Online-Medien. Hauptprodukt ist gegenwärtig die, für den Nutzer kostenlose Bereitstellung von Suchdiensten im Internet. Innerhalb der letzten Jahre wurden darüber hinaus weitere Geschäftsbereiche, die losgelöst vom Werbemarkt funktionieren, im starken Umfang weiterentwickelt. Erklärtes Ziel ist es, regelmäßige und langfristige Lizenzumsätze zu erzielen. Prädestiniert hierfür sind insbesondere Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Office-Applikationen, Collaboration und Communications, deren Zielgruppe in der Regel Unternehmen sind. Mit dieser Erweiterung des Portfolios zielt Google direkt auf die sprudelnden Geldquellen von Microsoft ab.

Kern des Frontalangriffs bilden die „Google Apps“. Unter dieser Marke bietet Google seit 2006 die Möglichkeit, über eine Internetverbindung online mit (Office)-Applikationen zu arbeiten. Es ist sowohl eine kostenpflichtige Variante, als auch eine werbefinanzierte, aber unentgeltliche Version verfügbar. Für 40 Euro im Jahr und Nutzer erhalten Unternehmen Email, Kalender, Text und Tabellen sowie Kooperationslösungen. Aber auch die Auslagerungen einzelner Workloads – exemplarisch Email-Dienste – oder Konnektoren zu vorhandenen IT-Infrastrukturen bietet Google mittlerweile an. Nach Unternehmensangaben haben sich bis dato weltweit ca. 3 Millionen Unternehmen für das Angebot entschieden. Allerdings ist der Markterfolg in Deutschland aktuell noch immer mehr als mäßig. Fehlendes Vertrauen in Datensicherheit und ein vergleichsweise dünnes Netz an Implementierungspartnern sorgt für Zurückhaltung bei den IT-Entscheidern.

Allerdings wächst der Druck auf Microsoft zunehmend. Neben einer aggressiven Preispolitik und kurzen Innovationszyklen sorgt insbesondere eine zunehmende „Interoperabilität“ der Google-Lösungen für steigendes Interesse auf Seiten der Budgetverantwortlichen. Der Begriff Interoperabilität beschreibt dabei technische Maßnahmen, die ein Zusammenspiel heterogener Systemlandschaften ermöglichen. Dabei werden über standardisierte oder offengelegte Schnittstellen Daten zwischen zwei und mehr Systemen ausgetauscht. Dadurch können separate Systeme miteinander kommunizieren, beziehungsweise im arbeitsteiligen Verbund auf abgestimmte Art verschiedene Aufgaben übernehmen. So ist mit dem „Google Connector“ eine nahezu nahtlose Integration zwischen den Office-Anwendungen von Microsoft und den Systemen von Google möglich.

Herausforderung für Microsoft

Microsoft befindet sich in einer ungewöhnlichen Situation: Der Softwareriese konnte jahrzehntelang selbst Software mäßiger Qualität dank seiner erarbeiteten Marktmacht im PC-Geschäft durchsetzen. Sie hatten in den Achtzigern den richtigen „Riecher“ und das Glück die Ersten in dem explodierenden Markt für Personal Computer auf IBM Hardware zu sein. Microsoft hat es dabei immer ausgezeichnet verstanden die Software von einer Plattform (dem Betriebssystem) abhängig zu machen und umgekehrt. Wer Software ohne Microsoft entwickeln wollte, hatte oftmals keine Plattform und wer eine Plattform entwickeln wollte, dem fehlten die relevanten Anwendungen. Als Lieferant eines Betriebssystems achtete Microsoft seinerzeit in den Verhandlungen mit IBM darauf, nicht die gesamten Rechte zu veräußern, sondern nur auf der Basis von Lizenzverträgen zu liefern. Zum Erfolgsrezept „Lizenzierung“ zählen für Microsoft auch die weitreichenden Synergieeffekte zwischen Betriebssystem-Programmierung und der Entwicklung der Microsoft-Anwendungsprogramme.

Abgesehen von dem Fokus auf die Entwicklung von Betriebssystemen, als Plattform für die aufkommende Verbreitung von Clients und Servern, setzte Microsoft früh auf eine zweite Säule. Hierbei handelt es sich um die Anwender-Programme und in den Anfangsjahren der IT-Revolution vor allem auf das Büro-Paket „Office“. Das „Microsoft Office Paket“ kann grundsätzlich als beispielloses Erfolgsprodukt in der Software-Industrie und speziell für Microsoft verstanden werden. Weltweite Marktführerschaft, Etablierung eines De-facto-Frontend-Standards und gigantische Umsätze sind das Ergebnis jahrzehntelanger Ingenieurskunst und Marketings.

Doch jetzt, wo Microsoft mit Windows 7 und dem aktuellen Office-System über gute Produkte verfügt, fehlt perspektivisch die Machtposition. Neue, web-basierte Bereitstellungsmodelle und starke Wettbewerber wie Google sorgen für erheblichen Druck und bescheren Anwendern eine neue Form der Wahlfreiheit.

Die Herausforderung besteht darin, den „Supertanker“ Microsoft auf die neuen Marktgegebenheiten auszurichten und gleichzeitig die etablierten Geld- und Zahlungsströme weiterhin abzugreifen. Auch um den zunehmenden Marktdruck abzufedern hat Microsoft in den vergangenen 18 Monaten zahlreiche neue Initiativen, Produkte sowie Lösungen angekündigt, um sich der Herausforderung des Marktes zu stellen.

Vorteil Microsoft

Noch bis zum Frühsommer kommt der Hoffnungsträger „Office 365“ auf den Markt. Office 365 ist eine klare Stellungnahme und Positionsbestimmung von Microsoft gegenüber Herausforderern wie Google und gegenüber den neuen Anforderungen der Anwender im. Es handelt sich hierbei um die erste richtige „Cloud-Computing Business-Software-Sammlung“ aus dem Hause Microsoft. Cloud Computing („Cloud“) ist im Kern eine Bereitstellungsvariante, bei der bisher typischerweise unternehmensintern organisierte Aufgaben an einen externen Dienstleister vergeben werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Anwenderunternehmen müssen Server und Softwarelösungen nicht selbst anschaffen, sondern mieten die nötigen Kapazitäten für Daten, Rechenleistung und Anwendungen bei professionellen Anbietern. Aus Investitionen werden somit variable Kosten. Dies kann Geld und Aufwand sparen und ermöglicht ferner eine gewisse Flexibilität. Hinzu kommt die Reduzierung der Personalkapazitäten durch den zu erwartenden geringeren Verwaltungsaufwand von Hard- und Software-Bereitstellung. Personal- und kostenintensive Test- und Implementierungsphasen lassen sich vermeiden.

Eine besondere Ausprägung, zu der auch „Office 365“ zählt, ist Software as a Service, kurz SaaS. Hierbei handelt es sich z.B. um die Nutzung einer Applikation über das Internet. Der SaaS-Markt in Deutschland wächst laut Studien der Experton Group von ca. 725 Millionen Euro im Jahr 2011 auf über 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2013. Eine besonders starke Nachfrage herrscht an Kollaborations-, Kommunikations- und Email-Lösungen. Also Angeboten, die die Produktivitätssteigerung der Mitarbeiter, bei gleichzeitiger Reduktion der IT-Infrastruktur im Unternehmen, adressieren.

Im SaaS-Paket „Office 365“ stecken genau diese Lösungen. Sowohl die klassischen Büroanwendungen wie E-Mail-, Text- oder Präsentationsprogramme sind hier zu finden, als auch eigentliche Herzstück des Gesamtsystems; Anwendungen für die Kommunikation und Online-Zusammenarbeit. Exemplarisch "Lync", eine Lösung für Audio- und Videotelefonate sowie den Austausch von Sofort-Nachrichten, oder "SharePoint", ein Sammelfach für die Teamarbeit an Dokumenten und Platz zum Austausch zwischen Kollegen.

Zwar bietet der Softwaregigant schon seit dem Jahr 2009 unter der Produktbezeichnung BPOS (Business Productivity Online Suite) ein Konglomerat von Office-, Kollaborations- und Kommunikationslösungen an. Die BPOS zugrundeliegende Technologien, respektive Produkte, für die sich in Deutschland über 2.200 Unternehmen entschieden haben und auf die weltweit über 1 Million Nutzer zugreifen, wurden nie unter der Prämisse entwickelt, als Cloud-Lösung bereitgestellt zu werden. Vielmehr wurde das Produktbündel als multi-talentierter Kontrapunkt zu den Aktivitäten von Google in den Markt getragen. Zu dieser Zeit war Microsoft auf das „klassische“ Softwaregeschäft fokussiert, und keiner sprach in der Öffentlichkeit von einer Positionierung als „Cloud-Company“. BPOS war ein netter „Nebenerwerb“. Die Folge waren anfangs halbgare Angebote und große Funktionsunterschiede zwischen den „on premise" genannten, lokalen Installationen, und Cloud-Varianten, schlechte bzw. eingeschränkte Administrierbarkeit sowie teilweise schwache Interaktion mit dem Anwender und Administrator. Office 365 ist somit in vielerlei Hinsicht die erste richtige Cloud-Kollaborationslösung von Microsoft, die basierend auf den aktuellen Produktgenerationen dezidiert für das Bereitstellungsmodell Cloud Computing konzipiert wurde.

Lösungen für Klein und Groß

Die Zielsetzungen, die mit dem Einsatz von SaaS-basierten Produktivitätslösungen in Verbindung gebracht werden, sind die Senkung der IT-Kosten, verbesserte Flexibilität und Agilität sowie die Qualitätssteigerung der IT. Gleichfalls sollen bisher IT-ferne Mitarbeiter in die IT-basierten Arbeitsprozesse integriert werden. Dabei ist das Thema „Senkung der IT-Kosten“ allerdings differenziert zu betrachten. Vielen IT-Entscheidern ist klar, dass es durch den Einsatz von Office 365 (oder ähnlichen Produkten) nicht zu einer nachhaltigen Kostensenkung kommt. Konkretes Ziel ist es vielmehr hohe Investitionskosten in kontinuierliche und berechenbare operative Kosten zu transferieren. Gleichfalls soll eine, an die individuellen Workloads der Mitarbeiter angepasste, bedarfsgerechte Bereitstellung von Lösungen erfolgen.

Microsoft reagiert auf diese Anforderungen mit unterschiedlichen Serviceplänen und Leistungskombinationen. Diese reichen von rudimentären Mail- und Kollaborationskomponenten für ca. 2 Euro pro Nutzer im Monat bis hin zum „Rundumsorglos-Paket“ mit „Office Pro Plus Client“ und grundsätzlich umfassenden Sprachfunktionalitäten für ungefähr 20 Euro. Neben dem Gesamtsystem bietet Microsoft aber weiterhin die Möglichkeit, auch nur einzelne Programme zu nutzen, das Office an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Somit hängen die monatlichen Kosten nicht nur von der Nutzerzahl, sondern auch von den gebuchten Anwendungen ab. Hierdurch werden die Interessen von kleinen und mittelständischen Unternehmen genauso befriedigt, wie Anforderungen von „großen“ Anwendern mit Tausenden von Nutzern.

Für Freiberufler und kleinere Unternehmen besteht der Nutzen darin, ohne große Kosten ein konsistentes System zu nutzen. Die Leistungen werden gemietet und können unmittelbar genutzt werden. Lange Einführungszyklen können maßgeblich verkürzt werden. Mittelständische Unternehmen und Konzerne können „Office 365“ flächendeckend oder auf Abteilungsebene einsetzen und so ihre Anforderungen an IT extrem individuell decken.

Resümee

Microsoft bietet mit Office 365 ein Konzept, welches Anforderungen von Anwendern, Entwicklern und Administratoren umfassend erfüllt. Dabei braucht ein Vergleich, hinsichtlich der Preise oder Funktionalitäten, mit einer IBM oder den Businessangeboten von Google, keineswegs gescheut zu werden. Microsoft wird mit Office 365 die Lücke zwischen On-premises Eigenschaften und den Services deutlich schließen, und so den Anforderungen der Anwender nachdrücklich gerecht werden. Das optimierte User Interface, vereinfachte Bedienung und zusätzliche Funktionalitäten bringen erheblichen Nutzen. Durchgeführte Tests mit der Betaversion lassen auf ein geschmeidiges Arbeiten deuten. Neben konsistenten Produkten hat Microsoft gegenüber Wettbewerbern wie Google allerdings noch den Vorteil der Kundenbindung im Markt der SaaS-Kollaborations- und Office-Lösungen auf seiner Seite. Diese Kundenbindung äußert sich in zwei Facetten. Erstens über das Thema „Gebundenheit“, zweitens über Verbundenheit (Loyalität bzw. Vertrauen). Die Gebundenheit ist im Kern über drei Dimensionen entstanden. Hierzu zählen die vertragliche Bindung über Volumenverträge, die tiefe Integration in die IT sowie die Beziehung zu den Anwendern. Die Verbundenheit wird getrieben über die jahrelangen Erfahrungen der Anwender im Allgemeinen und der IT-Entscheider im Besonderen. So verbirgt sich hinter der Marke „Office“ zum Einen eine hohe Zufriedenheit der Anwender und zum Anderen ein Leistungsversprechen von Microsoft, welches nicht zu unterschätzen ist. Die Zufriedenheit mit der Marke „Office“ resultiert daraus, dass Anwender positive Erfahrungen nicht lediglich einmal gemacht haben, sondern das sie diese in den letzten 20 Jahren wiederholt erlebten und es so zu einer dauerhaften Zufriedenheit mit der Marke kam.

Den Anwendern wird ein breites Spektrum unterschiedlicher cloud-basierter Kollaborationslösungen geboten. Herausforderung wird es sein, das individuell beste Konzept auszuwählen. Neben den aktuellen Produkteigenschaften zählt hierzu insbesondere die Interoperabilität zu bestehenden Systemen, eine klar definierte Roadmap und ein transparentes Lizenzmodell.

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