25 Jahre OS/2 – das überlegene Windows, verschmäht und doch nicht totzukriegen

Bill Gates als OS/2-Werbeikone - Foto PC WorldNerds der 80er und 90er Jahre werden sich noch gut erinnern an IBMs ambitioniertes Betriebssystemprojekt OS/2. Am 2. April 1987 stellte IBM das System gemeinsam mit einer neuen PC-Produktlinie vor und verkündete sechs Jahre nach der Premiere des PCs, dass man dessen schwachbrüstiges DOS durch eine bahnbrechende Technologie ablösen werde. Was lange kaum bekannt war: Microsoft war maßgeblich an der Entwicklung des zeitweise vehementen Windows-Rivalen beteiligt, und von Bill Gates gibt es ein Foto, auf dem er stolz mit einem Button für OS/2 wirbt (links).

In der 1.x-Version war OS/2 noch ein 16-Bit-System, das zunächst im Textmodus lief, bald kam mit dem “Presentation Manager” eine einfache grafische Oberfläche dazu. Ein großer Schritt nach vorne gelang 1992 mit Erscheinen der Version 2.0, die das erste kommerzielle 32-Bit-Betriebssystem war und als große Hoffnung für viele frustrierte Windows-Benutzer galt. Auch ich zählte mich ab 1992 zu den Fans des Systems, arbeitete eine Zeit lang ausschließlich damit und schrieb sogar meine ersten Fachartikel als IT-Journalist zu diesem Thema – nämlich OS/2-Tipps für die PC-Welt. Neben dem soliden Systemfundament beeindruckte vor allem die neue grafische Workplace-Shell-(WPS-)Oberfläche, die in ihrer konzeptionellen Genialität bis heute ihres Gleichen sucht.

Überlegene WorkPlaceShell-Oberfläche

OS2 2.0 Upgrade-Box Quelle WikipediaDemgegenüber wirkte die Windows-Oberfläche recht amateurhaft, wie das Beispiel der Implementierung von Desktop-Symbolen zeigt. Bei Windows wurden Icons von Anfang an in Form statischer Icon-Dateien umgesetzt, die dann im Explorer als Symbole dargestellt werden. Kontextmenü-Informationen kamen nach und nach über Registry-Erweiterungen hinzu. Der WPS-Desktop hingegen basierte auf einer objektorientierten Architektur, die beispielsweise das Erzeugen und Manipulieren von Desktop-Objekten mit simplen Skripts oder Programmiersprachen ermöglichte. Zu den (notwendigen) Kuriositäten von OS/2 ab 2.0 zählte, dass es aus Kompatibilitätsgründen ein komplettes Windows 3.1 sowie eine DOS-Emulation integrierte. Aufgrund des ständigen Mangels an nativen OS/2-Anwendungen war dies unabdingbar, um die benötigten Windows-Programme betreiben zu können. Technisch war das zu diesem Zeitpunkt mit 16-Bit-Windows noch kein Problem, weil IBM damals noch alle Rechte am Windows-Quellcode besaß.

Microsofts Abnabelung mit “NT OS/2”

OS/2 Warp 4Trotz vieler sachlicher Argumente für OS/2 2.0 hatte Microsoft zu diesem Zeitpunkt bereits einen großen Vorsprung und der Windows-Zug war spätestens mit der Version 3.1 (1992) schon derart unter Dampf, dass IBM bei der Vermarktung kaum Boden gewinnen konnte. Wesentlichen Anteil daran hatten aber auch diverse Schachzüge, die im Hintergrund stattfanden. So betrieben Bill Gates und Steve Ballmer bereits seit längerem eine Abnabelung der bis dahin engen Entwicklungspartnerschaft mit IBM, denn Microsoft wollte den Betriebssystemmarkt mit niemandem mehr teilen. Bereits seit 1988 gab es fundamentale Differenzen, nachdem Microsoft den charismatischen VMS-Erfinder Dave Cutler samt seines Teams von Digital abwarb. Cutler integrierte sich nicht in das OS/2-Entwicklungsteam, weil er nicht viel von OS/2 hielt – sein Auftrag lautete daher bald, mit seinem Team OS/2 3.0 zu entwickeln. Anfänglich suggerierte der Name “NT OS/2” noch Kontinuität mit der bisherigen Entwicklung, doch tatsächlich scherte Cutler aus und übernahm viele VMS-Konzepte, was zu Dissonanzen mit IBM führe. Deshalb einigten sich beide Firmen darauf, dass IBM sich auf die Weiterentwicklung von OS/2 2.0 konzentrierte, während Microsoft das zukünftige OS/2 3.0 vorantreiben sollte.

Lotus 1-2-3 für OS/2Microsoft nahm damit das Heft in die Hand und vollzog schon bald einen kompletten Schwenk, benannte OS/2 3.0 in Windows NT um und ging 1993 mit der ersten Version 3.1 auf den Markt. Unter der Haube gab es bei den ersten NT-Versionen noch einige Gemeinsamkeiten mit OS/2. So waren die Dateisysteme HPFS und NTFS eng verwandt, wobei HPFS fortschrittliche Merkmale wie die erweiterten Attribute aufwies, die die DOS- und Windows-typischen Dateinamenserweiterungen zur Verknüpfung mit der entsprechenden Anwendung erübrigten. Windows NT konnte bis zur Version 4 anstelle von NTFS auch HPFS nutzen.

Vermarktungscoup mit Vobis-Computer

Firefox 3.5.4 auf OS2 Warp4IBM bemühte sich in den Folgejahren mit mehr oder weniger Engagement, OS/2 als Windows-Alternative im Markt zu etablieren. Deutschland spielte dabei eine Sonderrolle mit einem überdurchschnittlichen Marktanteil im internationalen Vergleich. Ein aufsehenerregender Coup gelang dabei in Zusammenarbeit mit der einst markführenden PC-Kette Vobis, die ab Dezember 1994 auf allen PCs OS/2 Warp 3.0 vorinstallierte. Trotz solcher Einzelerfolge gelang nie ein ernstzunehmender Durchbruch, was letzten Endes auch an der schwankenden Unterstützung in der IBM-Führungsetage lag. Somit markierte OS/2 Warp 4.0 im Jahr 1996 den letzten relevanten Versionssprung. In den Folgejahren fuhr IBM die Unterstützung allmählich zurück, wobei das System zum Beispiel noch sehr lange in Geldautomaten zum Einsatz kam. In der Zwischenzeit versuchen sich einige Firmen unter Lizenzen von IBM um die Weiterentwicklung, so beispielsweise Serenity Systems mit der eComStation.

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