Microsoft hebt ab: Wenn die eigene Corporate-Culture wichtiger ist als Kunden und Community

Die Microsoft-Erfolgsgeschichte ist geprägt einerseits von einem bedingungslosen Innovationstrieb, und andererseits von einem unermüdlichen Engagement auf Seiten der IT-Professionals, Microsoft-Partner und Anwenderunternehmen. Doch seit dem Antritt von Satya Nadella haben sich die Schwerpunkte verschoben. Man pflegt inzwischen eine selbstbezogene Unternehmenskultur, während Technologie, Community und Kundeninteressen nach hinten gerückt sind.

Ein Leben mit Microsoft war immer eine Gratwanderung entlang von Extremen. Auf meinem Werdegang als Microsoft-Enthusiast konnte ich seit den 80ern erleben, dass man die Windows-Company entweder liebte oder hasste.

Ungeachtet dessen war Microsoft aber immer eine Firma, die unermüdlich Innovationen und Produkte lieferte. Und damit ein Ökosystem von Entwicklern, Administratoren und Beratern fütterte, die daraus einen großen Markt aufbauten. Heute gibt es kaum mehr ein Unternehmen, das nicht seine Prozesse mit Microsoft-Technik unterstützt – mal mehr und mal weniger effizient.

Microsoft vor 2014 – eine hoch drehende „Stress-Maschine“

Manchmal war der Preis für Leistung am Limit auch zu hoch.

Diese altbekannte Microsoft-Weltordnung galt bis Februar 2014, als Satya Nadella das Ruder übernahm. Microsoft war bis zum Ende der Ballmer-Ära ein „Power-House“, eine Maschine, die auf Hochtouren lief und ihren Mitarbeitern alles abverlangte.

Manchmal war der Preis für Leistung am Limit auch zu hoch. Wenn man vor 2014 mit Microsoft-Mitarbeitern sprach, hörte man oft vom permanenten, manchmal auch zu hohen Druck. Der Mitarbeiter als Mensch mit Familie, Problemen und Bedürfnissen stand nur selten im Mittelpunkt.

Kulturwandel ab 2015 stellt eigene Mitarbeiter in den Vordergrund

Ab Frühjahr 2015 wehte plötzlich ein anderer Wind. Ich durfte das selber hautnah miterleben, als ich an einer Kundenveranstaltung in Redmond teilnahm. Es kam mir vor, als würde sich die Welt in die andere Richtung drehen. Die Agenda der einwöchentlichen Veranstaltung brachte das deutlich zum Ausdruck: Alles drehte sich um den Culture-Change im Hause Microsoft.

Ich erlebte sichtlich erleichterte Führungskräfte, die von der neuen Mitarbeiterzentrierung schwärmten.

Zweifellos: Bei den Mitarbeitern wirkte der Kulturwandel Wunder. Ich erlebte sichtlich erleichterte Führungskräfte, die von der neuen Mitarbeiterzentrierung schwärmten. Nadella landete damit einen Coup, indem es ihm gelang, beim größten Kapital des Unternehmens, den Mitarbeitern, einen ungeahnten Energieschub auszulösen.

Bis heute kann man diesen Enthusiasmus spüren, was mich vor allem für die vielen Mitarbeiter freut, die ich persönlich kenne. Und doch kommt mir dieses starke Fokussieren auf die Unternehmenskultur wieder mal als großes Microsoft-Dilemma vor.

Viele Kunden haben den Andockpunkt verloren

Denn zu viel Selbstbetrachtung kann im Geschäftsleben auch den Blick auf die wichtigen Dinge trüben – nämlich den auf die Kunden. Grundsätzlich gilt bei uns ja der Kunde als König. Und dass die Erwartungshaltung steigt, je mehr Geld man monatlich für IT-Lösungen nach Redmond überweist, liegt auf der Hand. Bei Microsoft jedoch ist dieses Bewusstsein etwas verloren gegangen. Denn immer mehr Kunden haben das Gefühl, dass sie den Andockpunkt zum Hersteller verloren haben.

Statt auf die Anliegen der Anwender einzugehen und deren Bedürfnisse im Geschäftsalltag zu adressieren, zelebriert man lieber eine wolkige Marketingwelt mit visionären Zukunftsthemen.

Natürlich beliefert Microsoft seine Kunden weiterhin mit moderner und ausgereifter Technologie. Doch viele vermissen die früher übliche Aufmerksamkeit. Statt auf die Anliegen der Anwender einzugehen und deren Bedürfnisse im Geschäftsalltag zu adressieren, zelebriert man lieber eine wolkige Marketingwelt mit visionären Zukunftsthemen.

Klar sind Themen wie KI und Azure spannend. Doch auf Kundenseite möchte man auch erfahren, wie Microsoft bei der Lösung von alltäglichen Geschäfts- und IT-Problemen helfen kann.

Wo liegt der Business-Case von Hype-Themen?

Während Technik-Evangelisten glänzende Augen bekommen, runzeln IT und Führungskräfte in den Unternehmen die Stirn.

Ein Beispiel dafür ist das Hype-Thema Augmented Reality. Während Technik-Evangelisten glänzende Augen bekommen, runzeln IT und Führungskräfte in den Unternehmen die Stirn. Wo bitte liegt der Business-Case? Und wie soll ich meine Geschäftsleitung davon überzeugen, wenn der Nutzen nicht auf Anhieb erkennbar ist?

Eine große Leerstelle sind auch die Entwicklungspfade für die IT-Mitarbeiter, die schließlich all diese neuen Dingen umsetzen sollen. Wie bitte soll sich ein bodenständiger Registry-Verwalter von heute auf morgen in einen virtuellen Enterprise Architekten verwandeln? Wenn der Hersteller keine Unterstützung anbietet und ihm die Stufen dazwischen bereitstellt?

Viele sind bereit, auf den neuen Zug aufzuspringen

Ja, Microsoft verfügt nach wie vor über eine faszinierende Community, in der viele bereit sind, auf den neuen Zug aufzuspringen. Nur baucht es dafür auch ein paar mehr Haltestellen. Statt Corporate-Culture und Nabelschau sollte die Orientierung endlich mal wieder in Richtung Kunden und Technik-Enthusiasten umschwenken.

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